Köln
Oktober 2010
Sumo auf der Artfair

Die Zeit – Interview mit Christian Richter
06.08.2010

 

Die Zeit: Herr Richter, denken sie nicht, es ist unzeitgemäß sich in der Kunst mit der Figur zu beschäftigen?
Richter: Warum sollte die Figur unzeitgemäß sein? Die Figur ist das Spiegelbild des Menschen in seiner jeweiligen Zeit. Der Spiegel der Renaissance ist ein anderer als heute. Die Figur steht im Kontext mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Zustand. Das ist ja das Spannende, sich selbst in der Projektion zu sehen. Und die Figur hat die besondere Eigenschaft uns aufgrund des Ebenbildcharakters direkt anzusprechen.
Die Zeit: Die Gegenwartskunst hat einen stark innovativen Anspruch. Sie soll neue Ebenen des Denkens eröffnen, eine Neuinterpretation der Wirklichkeit liefern, ungewohnte Bilder liefern.
Richter: Das ist sicher richtig. Die Frage ist die, ob daher zwangsläufig alle Kunst daran gebunden ist. Gebunden daran, den innovativen Aspekt als den absoluten Fokus künstlerischen Schaffens zu sehen. Die Frage ist die, ob das Gedankenspiel, zu welchem nur noch ein kleiner Teil der Gesellschaft Zugang hat, die allein gültige Antwort auf die Frage „Was ist Kunst?“ ist. Wenn Kunst die Disziplin der Freiheit ist, ist möglicherweise mehr zulässig als an den Akademien gelehrt wird.
Die Zeit: Verbirgt sich dahinter nicht eine persönliche Kritik an den Akademien?
Richter: Wie haben sie denn das erraten? So weit würde ich nicht gehen. Die Pop Art hat uns schließlich in höchster Instanz vorgemacht, die Freiheit zu nutzen, unabhängig von der akademischen Meinung Kunst zu betreiben. Den Kunstbegriff auf den Alltag anzuwenden und somit per Definition wiederum den Spielraum der Kunst zu erweitern.
Die Zeit: Folgen sie mit ihren Multiples der Pop Art?
Richter: (lacht) Das kann man tatsächlich so sehen. Ja die Multiples schleichen an der Akademie vorbei und tragen schon auch die Ideen der Pop Art. Allerdings würde ich sie auch dem Barock zuordnen.
Die Zeit: Dem Barock?
Die Zeit: Sie meinen man könnte sich in Augsburg einen Brunnen mit Sumoringer-Figuren vorstellen?
Richter: Genau.
Richter: Ich meine, in den Sumoringer- Figuren stecken über die handwerklich serielle Fertigung und der Alltagstauglichkeit natürlich die Merkmale der Pop Art drin, allerdings funktionieren die Figuren auch über ihre klassische Formensprache. Die Spannungsmomente der klassischen Bildhauerei finden ihre Anwendung.
Die Zeit: Ja das ist sehr eigentümlich. Würden sie auch Kunststoff als Material verwenden?
Richter: Möglicherweise. Oder Sand.
Die Zeit: Sand?
Richter: Ja, aber das ist noch geheim. Der Innovationsgedanke, sie verstehen!

 

Warum schnitzt man Sumoringer?


Die Frage lässt sich am leichtesten damit erklären: Warum bläst ein Musiker in seine Trompete?

Die Figuren aus der Reihe „dance of the sumo“ führen Bewegungen aus der Begrüßungszeremonie des Sumo-Ringkampfes aus. Sie stellen keine Kampfszenen dar.
In der Begrüßungszeremonie dient zum Beispiel das Klatschen dazu, die Aufmerksamkeit der Geister zu wecken, das Aufstampfen wiederum der Vertreibung der bösen Geister.

Das faszinierende am Sumoringer ist sein enormes Gewicht und die erstaunliche Beweglichkeit und Schnelligkeit. Im Kampf geht es darum den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen oder aus dem Ring zu schieben.

Der Schwerpunkt des Sumotori liegt in der Körpermitte, er stellt somit sozusagen die Umkehrung des Modells des griechischen Athleten dar.

Die Figuren bewegen sich im Spannungsfeld von Leichtigkeit und Schwere, Bewegung und meditativer Konzentration. Sie nehmen den Dialog mit ihrer Umgebung auf.

Mit ihrer Masse und Standhaftigkeit stellen sie sich auch gegen einen Prozess der heutigen Gesellschaft, in der sich alles aufzulösen droht.

 

Christian Richter

Juli 2010

Manzu1

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September 2015
Manzu Brunnen Augsburg

Madrid Mai 2010
Sumor meets Barcelo´s elephant

 

 

 

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